BIOS

      vorlesen - Von Doppelspiralen, Programmierung und des Schöpfers Handwerk - Tabea Rees

BIOS –  Wunder des Lebens

BIOS – Wunder des Lebens, Freiburg-Kappel im Oktober 2020

 

BIOS – Wunder des Lebens, Freiburg-Kappel, am 16. September 2020, Thomas Rees
BIOS – Wunder des Lebens

 Gedanken zur Entstehung der Skulptur:

BIOS ist ein Kunstwort aus der Computerwelt. Es bezeichnet ein Grundprogramm, das in einem Computer zwingend vorhanden sein muss, damit dieser überhaupt ansprechbar wird und zum „Leben“ erwachen kann. Komplexe Systemfunktionen werden dadurch erst möglich.

Das altgriechische Wort βίος (bios) heißt Leben. Lebendiges hat in seiner Grundstruktur, der sogenannten DNA, ebenfalls eine Form der Programmierung: Eine Doppelhelix als spiralförmiger biologischer Speicher, mit einer Fülle an Informationen in den Genen, die die Beschaffenheit des Lebens bedingen. Das Wort Gen stammt ebenfalls aus dem Altgriechischen und bedeutet hervorbringen.

Leben ist ein Mysterium, das sich über Milliarden von Jahren entwickelt hat und sich ständig weiter entfaltet. Da stellen sich viele Fragen: Wo ist der Ursprung? Gibt es auch da eine Urprogrammierung, ein Grundprinzip des Lebens? Ein kosmisches BIOS als Startinformation, das überall gilt, aus dem sich alles entwickeln kann? –  Gibt es eine Analogie zu menschengemachten Maschinen und wie unantastbar ist der genetische Code?

Im Jahr 2018 wurde aus China berichtet, dass Zwillinge geboren wurden, bei denen im Embryonalstadium gezielt ein Gen ausgeschaltet wurde. Das waren die ersten genmanipulierten Menschen der Welt. Forscherteams hatten zuvor entdeckt, wie sie ein Abwehrsystem der Bakterien zielgerichtet zur Veränderung des Erbguts einsetzen können. Die „Genschere“ CRISPR/Cas9 ist ein neues Werkzeug, mit dem die Welt von morgen erschaffen werden könnte. Das betrifft nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern alle Organismen, auch den Menschen.

Zwischenzeitlich ist die Genomschneiderei in vielen Bereichen Alltag geworden. Der Mensch hat durch sie die Möglichkeit, fundamental in die Strukturen des Lebens einzugreifen, sie zu manipulieren, zu optimieren,– eine leise Revolution, die große Hoffnungen nährt, aber auch Ängste schürt und vor allem grundlegende ethische Fragen aufwirft.

Die Doppelskulptur „BIOS“ besteht aus zwei überlebensgroßen, märchenhaft anmutenden Figuren. Es könnten die Hauptfiguren einer Weihnachtsdarstellung sein, – Maria und Josef mit dem Kind, in der Mitte die Krippe. Jedoch täuscht dieser erste Eindruck: Der vermeintliche Josef greift in einen doppelt spiralförmigen Strang und beschneidet diesen mit einem scherenähnlichen Werkzeug. Die andere Figur hält ein Neugeborenes in den Händen, das aus einer sich emporwindenden Doppelspirale erwächst. Die Kopfbedeckung, wiederum spiralförmig, ähnlich einem fossilen, längst ausgestorbenen Ammoniten. Das Kind selbst sucht mit seinen Händen Kontakt zu der Figur. Sein Blick wendet sich ab. Anstelle der Krippe findet sich zwischen den beiden Figuren eine Kugel. Sie lässt sich als Allegorie für die Erde mit ihrer Biosphäre deuten, in der sich alles Lebendige, auch der Mensch, entwickeln konnte, – so ist sie der Lebensraum für eine erstaunliche Vielfalt an individuellem Leben.

Die Doppelskulptur „BIOS“ steht für das Wunder des Lebens, seine kreative Dynamik, aber auch für seine Verwundbarkeit.

 

Thomas Rees, Freiburg-Kappel im August 2020.

 

Doppelskulptur, Eichenholz, Höhe ca 4 Meter, Durchmesser des Sockels 2,3 Meter, Gesamtgewicht ca 7 Tonnen.

Die Skulptur ist Teil des Themenweges Lebensraum Kappel, MENSCH-ZEIT-ERDE, im Biosphärengebiet Schwarzwald, das zum UNESCO Naturerbe gehört. Es ist ein Projekt der Stadt Freiburg, des Biosphärengebiets Schwarzwald und des Kunst- und Kulturvereins Freiburg-Kappel.

 

 

 

BIOS – Wunder des Lebens, Freiburg im August 2020, Thomas Rees

 

Bilder von der Entstehung

 

die Skulpturen des Themenweges:

Erderwärmung und der Biosphärenteufel   Baum der Erkenntnis   Anima Mundi, die Weltseele   Coronus   BIOS – Wunder des Lebens    die Sammlerin, Hexe von Kappel    der schaffende Mensch, Homo faber

der Windbohrer auf dem Schauinsland  (gehört nicht zum Themenweg, wäre aber eine Erweiterungsoption des großen Rundweges über den Schauinsland)