Agatha

      Agatha L2 - vorlesen mit künstlicher Stimme - Thomas Rees

„Agatha L2“ 

– von Beischlaf, Hexenjagd und Mechanismen 

„Agatha L2“, Eichenholz, Höhe, 4,9 m

die Skulptur:  ein paar Gedanken dazu

Die Skulptur ist nach einem Mädchen benannt, das vor über 400 Jahren in Freiburg lebte. In einer Zeit in der die Sorge um das Seelenheil, Hexenwahn und Aberglaube tief in der Psyche vieler Menschen verwurzelt war.  Ob Pest, Missernten, Impotenz oder eine verendete Kuh…, Miseren forderten Schuldige. Richtende fanden sich ebenso schnell, wie Scheiterhaufen entzündet waren. — Fanatiker, Rattenfänger, Gedankenwächter, Moralapostel (die Reihe wäre leicht fortzusetzen…) wussten dies schon immer zu nutzen und der Mob war schnell auf den Beinen. Auch Agatha war eine derer, die in ein solches Mahlwerk getrieben wurde.

Die Skulptur Agatha L2 entstand im Jahr 2021. Freiburg gibt sich offen, gegendert, selbstgerecht — Inquisition und Hexenjagden sind Geschichte. Die bloße Bezichtigung eines Beischlafs mit dem Leibhaftigen ist nicht mehr lebensbedrohlich dafür gibt es aber andere Keulen. Gewisse Muster und Mechanismen ziehen sich durch die Zeit. Nun oft gelagert in einer digitalen Blasenwelt, wabert die Personalisierung des „neuen Diabolischen“ in einem unguten Gemenge: die Dummheit wird gut bedient, Zündeln fällt leicht und Stürme sind schnell entfacht. Nicht die Pest, sondern ein winziges RNA-Schnippel mischt dazu noch kräftig mit und die medialen Schreiberlinge reiben sich dabei geschäftig die Hände.

Die Skulptur Agatha L2, eine Figur auf einem Scheiterhaufen, geschnitten aus der Krone einer alten mehrfach gegabelten, gebrochenen, zerrissenen und eigentlich unzulänglichen Eiche, erzählt eine Geschichte davon –

Motive: oben rechts: die Agatha L2 – oben links: der Neid-Dämon mit der Schlangenzunge*² – in der Mitte vorne: der Scheiterhaufen, darunter: MMXXI = 2021 – rechts davon: der/die (betende oder Beifall klatschende) Teufel*in – unter dessen Hinterteil: – das Gremium der Gedankenwächter, daneben: der mit dem Hohlkopf, mit Mantel und Hut, Ratte und Sündenbock an der Leine – vorne unten: die Kleingeister in ihrem Werken – unten rechts: die mit der Keule – ganz unten: der Seelensumpf – Rückseite: unter dem Huf, die Panflöte – rechts davon: das Virus

 

Thomas Rees im Dezember 2021

 

Die Schlangenzunge des Dämons in Anlehnung an Giotto di Bondones Fresko Invidia – der Neid. Ein Monstrum, das von innen zerfrisst und dessen Zunge schlangenhaft aus dem Mund schießt, sich wendet und die Giftzähne zurück gegen den Abgünstigen richtet.

* Die Allegorie, altgriechisch  allegoría ‚andere‘ bzw. ‚verschleierte Sprache. Das auf den ersten Blick sichtbare kann recht unterhaltend sein. Um tieferliegende verwobene Schichten in einer Allegorie erfassen zu können, muss der Betrachter allerdings mit den geschichtlichen und geistigen Zusammenhängen vertraut sein. Der hintergründige Sinn bleibt ansonsten verborgen und wie leider so oft in unserer „Empörungskultur“ wird dann gleich übereifrig zur „Keule“ gegriffen. („die mit der Keule kombiniert mit den „Kleingeistern“ in der Skulptur)

* Diabolisch, ‘teuflisch, boshaft’, Verleumder, abgeleitet von griech. Diabállein, ‘entzweien, verleumden’, eigentlich ‘auseinanderwerfen’.

 

zur Namensgeberin:

Agatha war die Tochter einer 1603 in Freiburg als Hexe verurteilten Frau, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Agatha wurde ebenfalls der Hexerei bezichtigt. Wohl aus Angst vor der Folter gestand das Kind unter anderem den Beischlaf mit dem Teufel. Ein Gelehrter der Universität Freiburg erstellte dazu ein Gutachten, das dem Stadtrat in Freiburg vorgetragen wurde. Seine Empfehlung war, Agatha bis zu ihrem 16. Geburtstag gefangen zu halten, sie bei anhaltendem Verdacht der Folter zu unterziehen und nach dem Geständnis zu exekutieren.

Glücklicherweise gab es auch damals gegensätzliche Bestrebungen. Agatha wurde nach einem weiteren Gutachten begnadigt, fand Asyl bei einer Familie in einer anderen Stadt und kam mit dem Leben davon.

Das „L“ erinnert an den Werdegang einer Skulptur – rund 400 Jahre nach diesen Geschehnissen.

 

 

Invidia, der Neid – ein Monster, das von innen zerfrisst.
Ein Künstler ist verantwortlich für das was er zeichnet, nicht für das was andere darin sehen möchten. Sonst können wir uns bald um den Verstand zensieren. Ein Auszug aus: Gewalt? Pornographie? Kunst? Kunstzensur wird immer häufiger gefordert! Veröffentlicht am 26. Januar 2018 von Robert Heidemann https://arttrado.de/news/kunstzensur-wird-immer-haeufiger-gefordert/ Robert Heidemann, Autor bei Arttrado.de

 

der Teufel*in: schwanzlos, betend, bittend, klatschend? Hier als Sinnbild für die Scheinheiligkeit der Moralapostel. Das Aussehen des Pans wurde im Mittelalter zur Darstellung des Teufels übernommen. Die ursprünglich positiven Eigenschaften des Pans wurden ins Negative gewandelt  – er musste zum Teufel werden.

 

Das Gremium der Gedankenwächter und auf der Keule stehend – der Hohlkopf mit Mantel und Hut, an der Leine der Sündenbock und die Ratte, rechts davon die Panflöte.

 

Die Kleingeister in ihrem Werken und die mit der Keule, MMXXI – 2021

 

der Seelensumpf – Psyche

 

Ratten sind ein Synonym für bevorstehendes Unglück, für Not, Zerfall, Seuche, Krankheit und Tod. Sie vermehren und verbreiten sich im Verborgenen und dringen in Menschenbereiche ein.

Seelensumpf oder Abgründe der Seele (Psyche)

Diabolisch, ‘teuflisch, boshaft’, Verleumder, abgeleitet von griech. Diabállein, ‘entzweien, verleumden’, eigentlich ‘auseinanderwerfen’.

Agatha L2 im Dezember 2022, thomas rees
Agatha L2 am Peiferberg, Kirchzarten , an einem Novemberabend 2022, thomas rees
„Agatha“ im Dezember 2022
Agatha L2 im Januar 2023
Agatha L2 – der betende/klatschende Teufel als Sinnbikd für die Scheinheiligkeit der Moralapostel.
Agatha L2 – im Dezember 2022

 

 

Eichenholz, Höhe, 4,5 Meter 

 

die Eiche, am 19. ‎Oktober ‎2021